Die 40 Großsheikhs des Naqshbandiyya-Sufi Ordens
11. Sheikh der goldenen Kette:

Sheikh Abdul Khaliq al-Ghujdawani

Möge Allah mit ihm zufrieden sein  24.07.2019
  • Er war bekannt als der Sheikh der Wunder, einer, der wie die Sonne schien. Er war der Meister der hohen Stufen der Spiritualität seiner Zeit. Er war ein vollkommener Kenner (arif kamil) des Sufismus und hatte in der Askese Perfektion erreicht. Er gilt als Urquell dieses ehrenwürdigen Sufi Ordens und als der Urquell der Khwajagan (Meister Zentralasiens).

    Sein Vater war Sheikh Abdul Jamil, zu Zeiten des byzantinischen Reiches einer der berühmtesten Gelehrten in beiden Wissenschaften, in der, der äußeren Form und in der, der inneren Wirklichkeit. Seine Mutter war eine Prinzessin, die Tochter des Königs der anatolischen Seldschuken.

    Abdul Khaliq wurde in Ghujdawan, eine Stadt in der Nähe von Buchara in dem heutigen Usbekistan, geboren. Er lebte dort und verließ dort diese Welt. Er stammte von Imam Malik (ks) ab. In seiner Kindheit studierte er den Quran und seine Tafsir (Exegesen), die ilm al-Hadith (Wissenschaft der prophetischen Traditionen), die Wissenschaften der arabischen Sprache und Rechtswissenschaft bei Sheikh Sadruddin. Nachdem er die Shariah (Rechtswissenschaft) beherrschte, machte er mit dem Jihad an-nafs (spiritueller Kampf) weiter, bis er eine hohe Stufe der Reinheit erreichte. Daraufhin ging er nach Damaskus, wo er eine Schule gründete, bei der viele Schüler graduierten. Jeder wurde in den Gebieten Zentralasiens und des Mittleren Ostens sowohl ein Meister der Fiqh und der Hadith, als auch der Spiritualität in beiden Gebieten.

    Der Autor des Buches al-Hadaiq al-Wardiyya berichtet uns, wie er seine hohe Stufe innerhalb der Goldenen Kette erlangte: „Er traf Khidr  und begleitete ihn. Von ihm erlernte er das himmlische Wissen zusätzlich zu dem spirituellen Wissen, das er von seinem Sheikh Yusuf al-Hamadani erhielt.

    Eines Tages, als er in der Gegenwart Sheikh Sadruddins den Quran rezitierte, stieß er auf den folgenden Vers: „Ruft demütig in der Verborgenheit eurer Herzen nach eurem Versorger. Wahrlich, Er liebt nicht diejenigen, die die Grenzen, von dem was Richtig ist, überschreiten.“ [7:55]. Diese Ayat brachte ihn dazu Sheikh Sadruddin über die Wirklichkeit des stillen Dhikrs und seine Methodik zu befragen. Abdul Khaliq fragte folgendermaßen: „Beim lauten Dhikr musst du deine Zunge benutzen und die Menschen können dich hören und sehen, wohingegen beim stillen Dhikr des Herzens wahrscheinlich Sheytan lauscht und dich hört, da der Prophet (sav) in seiner heiligen Hadith sagte: `Sheytan bewegt sich frei in den Adern und Arterien der Kinder Adams.

  • ’Was also, O mein Sheikh Sadruddin, ist die Wirklichkeit von `Ruft in der Verborgenheit eurer Herzen?’ Sein Sheikh antwortete: „O mein Sohn, dies ist verborgenes, himmlisches Wissen und ich wünsche, dass Allah, der Erhabene und Allmächtige, einen Seiner Heiligen zu dir schickt und auf deiner Zunge und in deinem Herzen die Wirklichkeit des verborgenen Dhikrs erweckt.“

    Von da an wartete Sheikh Abdul Khaliq al-Ghujdawani auf die Erfüllung dieses Gebets. Eines Tages traf er Khidr (ks), der zu ihm sagte: „Nun, mein Sohn, habe ich die Erlaubnis des Propheten (sav) auf deiner Zunge und in deinem Herzen das verborgene Dhikr mit seinen Zahlen zu erwecken.“ Er befahl ihm, unter Wasser zu tauchen und in seinem Herzen Dhikr (LA ILAHA ILLALLAH MUHAMMADUN RASUL ALLAH) zu machen. Er machte diese Form des Dhikrs jeden Tag, bis sich das Licht des Göttlichen, die Weisheit des Göttlichen, die Liebe und die Anziehungskraft des Göttlichen in seinem Herzen offenbarten. Aufgrund dieser Begünstigungen wurden die Leute zu Abdul Khaliq angezogen und versuchten seinen Schritten zu folgen und er brachte sie wiederum dazu dem Weg des Propheten (sav) zu folgen.

    Er war der erste, dem in diesem ehrenwerten Sufi Orden offenbart wurde, dieses stille Dhikr zu benutzen und er galt sogleich als der Meister dieser Form des Dhikrs. Als sein spiritueller Sheikh al-Ghawth ar-Rabbani, Yusuf al-Hamadani, nach Buchara kam, verbrachte er die Zeit, ihm zu dienen. Er sagte über ihn: „Als ich 22 Jahre alt wurde, befahl Sheikh Yusuf al-Hamadani Khidr, meine Stufe weiter zu erhöhen und bis zu meinem Tode ein Auge auf mir zu haben.“

    Sheikh Muhammed Parsa, ein Freund und Biographieschreiber Shah Naqshbands, sagte in seinem Buch Faslul-Kitab, dass Khwaja Abdul Khaliq al-Ghujdawanis Methode des Dhikr und die Lehren seiner acht Prinzipien von allen 40 Tariqats begrüßt und angenommen wurden als der Weg der Wahrheit und der Treue, der Weg des bewussten Folgens der Sunah des Propheten, in dem man von Neuerungen ablässt und gewissenhaft seine niedrigen Begierden ablehnt. Dadurch wurde er zum Meister seiner Zeit und der erste in jener Meisterreihe der Spiritualität.

    Sein Ruf als ein perfekter spiritueller Meister wurde weit verbreitet. Besucher aus jedem Land pflegten es, zu ihm zu strömen. Er versammelte treue und aufrichtige Muriden um sich, die er trainierte und lehrte. Diesbezüglich schrieb er einen Brief an seinen Sohn, al-Qalb al-Mubarak, Sheikh Awliya al-Kabir, um das Benehmen der Anhänger dieses Ordens zu beschreiben. In dem Brief steht:

  • „O mein Sohn, ich bitte dich dringend, dir Wissen und rechtschaffenes Benehmen und die Furcht vor Allah anzueignen. Folge dem Weg der Salaf (frühere Generation). Halte an der Sunnah des Propheten (sav) fest und sei mit den aufrichtigen Gläubigen. Studiere die Rechtswissenschaft, die Lebensgeschichte des Propheten (sav) und die Exegesen (tafsir) des Qurans. Meide unwissende Scharlatane, und pflege das Gebet in der Gemeinschaft. Nehme dich in Acht vor Ruhm und seinen Gefahren. Sei unter den gewöhnlichen Menschen und strebe nicht nach gesellschaftlichem Rang. Gehe keine Freundschaften ein weder mit Königen, mit ihren Kindern noch mit Leuten, die nach Erneuerungen streben. Sei schweigsam, iss und schlaf nicht übermäßig. Renne vor Leuten weg, so wie du vor den Löwen wegrennst. Pflege die Zurückgezogenheit. Iss erlaubtes Essen und meide zweifelhafte Taten, außer in höchster Notwendigkeit. Halte die Liebe zu dieser niedrigen Welt von dir fern, weil sie dich verzaubern und gefangen nehmen kann. Lache nicht zu viel, weil zu viel Lachen den Tod des Herzens mit sich zieht. Erniedrige niemanden. Preise nicht dich selbst. Streite nicht mit Leuten. Bitte von keinem außer Allah. Bitte keinen dir zu dienen. Diene deinen Sheikhs mit deinem Geld und deiner Kraft und kritisiere sie nicht aufgrund ihrer Taten. Da man sie nicht versteht, ist der, der sie kritisiert nicht sicher. Mache deine Taten aufrichtig, indem du sie nur Allah widmest. Bete zu Ihm in Demut. Mache deine Arbeit, die Rechtswissenschaft, mache deine Moschee zu deinem Zuhause und Allah zu deinem Freund.“

    Die Grundbestandteile des Naqshbandi Weges

    Abdul Khaliq al-Ghujdawani prägte das Folgende, das heute als die Grundbestandteile des Naqshbandi Sufi Ordens gelten:

    1.Bewusstes Atmen („Hosh dar dam“)

    Hosh bedeutet „Geist“. Dar bedeutet „in“. Dam bedeutet „Atem“. Nach Abdul Khaliq al-Ghujduwani (ks) bedeutete es:
    „Der vernünftig Suchende muss seinen Atem beim ein- und ausatmen vor Unachtsamkeit bewahren. Dadurch hält er sein Herz immer in der göttlichen Gegenwart präsent. Er muss seinen Atem mit Gottesdienst und Dienerschaft erfrischen und dann diesen Gottesdienst Allah voller Vitalität übergeben. Jeder Atem, der bewusst ein- und ausgeatmet wird ist lebendig und mit der göttlichen Gegenwart verbunden. Jeder Atem der mit Unachtsamkeit ein- und ausgeatmet wird ist tot, getrennt von der göttlichen Gegenwart.“

  • Ubaidallah al-Ahrar  sagte: „Die wichtigste Aufgabe eines Suchenden in diesem Orden ist, seinen Atem zu schützen. Über den, der nicht im Stande ist seinen Atem zu beschützen, kann man sagen, dass er sich gerade verloren hat.“

    Shah Naqshband (ks) sagte: „Dieser Orden ist auf dem Atem aufgebaut. Also ist es ein Muss für jeden seinen Atem beim Ein- und Ausatmen und in der Zeit dazwischen zu bewahren.“

    Sheikh Abul Janab Najmuddin al-Kubra sagte in seinem Buch Fawatih al-Jamal: „Dhikr fließt durch das Atmen in den Körper jedes Lebewesens – sogar ohne, dass sie es wollen. Das ist ein Zeichen ihrer Gehorsamkeit, die Teil jedes Geschöpfes ist. Durch ihr Atmen erzeugen sie den Laut „Ha“ des göttlichen Namens Allah. Das ist sogleich ein Zeichen der Essenz des Ungesehenen, das dafür dient, die Einmaligkeit Allahs zu bestätigen. Deshalb ist es notwendig bei jeder Atmung präsent zu sein, um die Essenz des Schöpfers zu realisieren.“

    Der Name Allah, der die 99 Namen und Eigenschaften umfasst, besteht aus vier Buchstaben Alif, Lam, Lam und Hah (Allah). Sufis sagen, dass die absolute ungesehene Essenz Allahs, dem Erhabenen und Allmächtigen, mit dem letzten Buchstaben „Ha“, das durch das Alif vokalisiert wird, zum Ausdruck gebracht wird. Es repräsentiert das absolute ungesehene „Er“ Allahs, dem Erhabenen, (Ghayb al-Huwiyya al-Mutlaqa lillah ‹azza wa jall). Das erste Lam steht für die Identifizierung (tarif) und das zweite Lam stellt die Betonung (mublagha) dar.

    Deinen Atem vor Unachtsamkeit zu schützen, bringt dich zur vollständigen Gegenwärtigkeit, und diese Gegenwärtigkeit führt dich zur vollkommenen Vision und diese Vision leitet dich weiter zur vollständigen Offenbarung von Allahs 99 Namen und Eigenschaften. Allah bringt dich zur Offenbarung Seiner 99 Namen und Eigenschaften, da gesagt ist: „Allahs Eigenschaften sind so zahlreich wie der Atem des Mensches.“

    Jeder weiß, dass es für die Suchenden schwierig ist seinen Atem vor Unachtsamkeit zu bewahren. Deshalb müssen sie ihn durch die Reue (istighfar) schützen. Diese Reue wird ihn reinigen und heiligen und den Suchenden überall auf die Offenbarung Allahs vorbereiten.

    2.Beobachte deine Schritte („Nazar bar qadam“)

    Es bedeutet, dass während der Suchende läuft, er auf seine Füße schauen muss.

  • Wo auch immer er gerade hintritt, sein Auge muss dort sein. Er darf nicht umher blicken, da unnötige Blicke das Herz verhüllen. Die meisten Schleier auf dem Herzen sind durch die Bilder hervorgerufen, die täglich von deinem Auge in das Gehirn übermittelt werden. Aufgrund der verschieden Arten von Lüsten, die von deinem Gehirn geprägt sind, könnte es dein Herz durch Unruhen stören. Diese Bilder sind wie Verschleierungen auf dem Herzen. Sie blockieren das Licht der göttlichen Gegenwart. Das ist der Grund warum Sufi Heilige es ihren Anhängern, die ihr Herz gerade durch ständiges Dhikr gereinigt haben, nicht erlauben woanders als auf ihre Füße zu schauen. Ihre Herzen sind wie Spiegel, die jedes Bild leicht reflektieren und erfassen können. Das könnte sie ablenken und Unreinheiten in ihren Herzen erzeugen. Daher muss der Suchende nach unten schauen, um nicht von den Pfeilen der Teufel angegriffen zu werden.

    Nach unten zu blicken ist zugleich ein Zeichen der Demütigkeit; stolze und arrogante Leute würden nie auf ihre Füße hinunter blicken. Außerdem ist es ein Zeichen, dass man dem Weg des Propheten  folgt, der während er lief nie nach rechts oder links, sondern immer auf seine Füße schaute und sich unerschütterlich seinem Ziel näherte. Zudem ist es ein Zeichen einer hohen Stufe, wenn der Suchende nirgendwohin als zu seinem Herrn schaut. Genauso wie jemand es beabsichtig, sein Ziel zügig zu erreichen, so bewegt sich der Suchende auf eine schnelle Weise zu Allahs göttlicher Gegenwart, ohne dabei nach rechts oder links zu blicken, ohne nach diesen weltlichen Lüsten zu suchen, sondern er läuft nur mit dem Ziel der göttlichen Gegenwart vor sich.

    Imam ar-Rabbani Ahmad al-Faruqi (ks) sagte in seinem 295. Brief seiner Maktubat:

    „Der Blick ist dem Schritt voraus und die Schritte folgen somit dem Blick. Der Aufstieg zu einem hohen Zustand geschieht zuerst durch das Sehen, dann durch den Schritt. Wenn der Schritt diese Stufe erreicht, wird der Blick auf einen höheren Zustand gerichtet, zu dem dann der Schritt folgt. Dann wird der Blick noch höher emporgehoben und der Schritt folgt erneut. Das geht so weiter bis der Blick mit dem ihm folgenden Schritt den Zustand der Vollkommenheit erreicht. Wir sagen: `Wenn die Schritte dem Blick folgen, dann ist der murid bereit, sich den Schritten des Propheten (sav) zu nähern. Daher gelten die Schritte des Propheten (sav) als der Ursprung aller Schritte.’”

    Shah Naqshband  sagte: „Wenn wir auf die Fehler anderer schauen, werden wir freundlos sein, da niemand perfekt ist.“

  • 3.Reise heimwärts („safar dar watan“)

    Es bedeutet, zu seiner Heimat zurückzukehren. Das heißt, der Suchende reist von der Welt der Schöpfung zur Welt des Schöpfers. Es ist überliefert, dass der Prophet (sav) sagte: „Ich gehe zu meinem Herrn von einem Zustand zu einem besseren, von einer Stufe zu einer höheren.“ Der Suchende muss von den Lüsten für das Verbotene zu der Begierde nach der göttlichen Gegenwart reisen.

    Der Naqshbandi Sufi Orden teilte jene Reise in zwei Kategorien ein. Die erste ist die äußere Reise und die zweite ist die innere. Das äußere Reisen ist das Reisen von einem Land zum anderen auf der Suche nach einem perfekten Wegweiser, der einen zu seinem Ziel bringt. Das befähigt dich dann zur inneren Reise. Suchenden, die einen perfekten Führer gefunden haben, ist es verboten auf eine weitere äußere Reise zu gehen. In der äußeren Reise gibt es nämlich viele Schwierigkeiten, die ein Anfänger nicht meistern kann, ohne dabei in verbotenen Taten unterzugehen, da sie in ihrem Gottesdienst noch schwach sind.

    Die zweite Kategorie ist die innere Reise. Diese Reise braucht ein Suchender, der sein schlechtes Verhalten zurücklässt und sich ehrenwertes Verhalten aneignet, um die weltlichen Wünsche aus seinem Herzen hinauszuwerfen. Er wird von einem Zustand der Unreinheit zu einem Zustand der Reinheit emporgehoben. Zu diesem Zeitpunkt wird er nicht mehr nach inneren Reisen bedürfen. Er wird sein Herz gereinigt haben; sein Herz ist rein wie Wasser, klar wie ein Kristall, glänzend wie ein Spiegel und es zeigt die Wirklichkeiten aller Sachen, die er in seinem täglichen Leben braucht, ohne dafür äußerlich etwas zu machen. In seinem Herzen wird alles erscheinen, was er für sein tägliches Leben und das Leben um ihn herum braucht.

    4.Einsamkeit in der Menschenmenge („khalwat dar anjuman“)

    „Khalwat“ bedeutet Zurückgezogenheit. Es bedeutet äußerlich mit Menschen und innerlich mit Allah zu sein. Es gibt ebenfalls zwei Arten der Zurückgezogenheit. Die erste ist die äußere Zurückgezogenheit und die zweite ist die innere Zurückgezogenheit.

    Die äußere Zurückgezogenheit erfordert von einem Suchenden, sich von dieser Welt an einem stillen Ort einzuschließen. Er muss dort ganz alleine sein, meditieren und sich auf Dhikrullah, Erinnerung an Gott, konzentrieren, um einen Zustand zu ereichen, in dem sich ihm das himmlische Königreich offenbart. Sobald du deine äußeren Sinne ankettest, werden deine inneren Sinne frei sein, das himmlische Königreich zu erreichen.

  • Das bringt dich zur zweiten Art: Die innere Zurückgezogenheit.

    Die innere Zurückgezogenheit bedeutet Zurückgezogenheit unter den Menschen. In diesem Zustand muss das Herz des Suchenden seinem Herrn gegenwärtig und von Seiner Schöpfung abwesend sein, während er physisch unter ihnen ist. Es wird gesagt: „Der Suchende wird so stark mit Dhikr in seinem Herzen beschäftigt sein, dass wenn er sich in einer großen Menschenmenge befindet, er keine Stimmen hört. Dieser Zustand des Dhikrs überwältigt ihn. Die Offenbarung der göttlichen Gegenwart zieht ihn zu sich und bringt ihn dazu, niemandem außer seinem Herrn gewahr zu sein. Das ist der höchste Zustand der Zurückgezogenheit und es gilt als die wahre Zurückgezogenheit, so wie es im Quran erwähnt wird: „Menschen, die weder durch ihre Arbeit noch durch Ertrag von der Erinnerung an Gott abgelenkt werden.“ [24:37]. Das ist der Weg des Naqshbandi Sufi Ordens.

    Die wahre Zurückgezogenheit der Sheikhs des Naqshbandi Ordens ist die innere Zurückgezogenheit. Sie sind mit ihren Herrn und gleichzeitig mit Menschen. Der Prophet (sav) sagte: „Ich habe zwei Seiten: Eine richtet sich meinem Schöpfer, die andere der Schöpfung zu“. Shah Naqshband unterstreicht das Gute der Zusammenkunft mit der Aussage: „Tariqatuna as-suhbat wa-l-khairu fil-jamciyyat“ („Unser Weg ist die Kameradschaft und Gutes ist in der Versammlung“)

    Es wird gesagt, dass der Gläubige, der unter Menschen ist und ihre Lasten tragen kann, besser ist als der Gläubige, der sich vor Menschen abschottet. Über diesen heiklen Punkt sagte Imam Rabbani:

    „Jeder muss wissen, dass am Anfang der Suchende die äußere Zurückgezogenheit wählen sollte, um sich zu isolieren, zu beten und sich auf Allah, dem Allmächtigen und Erhabenen, zu konzentrieren, bis er einen höheren Zustand erreicht. Zu diesem Zeitpunkt wird sein Sheikh ihn mit den Worten Sayyid al-Kharrazs raten: `Perfektion liegt nicht im Vollbringen von Wundern, sondern es liegt darin, unter Menschen zu sitzen, seine Arbeit zu betreiben, eine Familie zu gründen und dabei niemals die Gegenwart Allahs für einen Moment zu verlassen. ’“

    5.Erforderliche Erinnerung („yad kard“)

    „Yad“ bedeutet Dhikr und „kard“ heißt Essenz des Dhikrs. Der Suchende muss Dhikr durch Verneinung und Bestätigung mit seiner Zunge machen, bis er den Zustand des Nachsinnens des Herzens (muraqaba) erreicht.

  • Dieser Zustand kann durch das rezitieren der Verneinung (LA ILAHA) und der Bestätigung (ILLALLAH) mit der Zunge zwischen 5.000 und 10.000 mal erreicht werden. Dadurch werden die Flecken, die das Herz bedecken und einrosten, entfernt. Das Dhikr poliert das Herz und befördert den Suchenden in einen Zustand der Offenbarungen. Er muss dieses Dhikr täglich verrichten. Er muss mit der Zunge und mit dem Herzen Allah rezitieren, den Namen Gottes Essenz, der alle anderen Namen und Eigenschaften einschließt, oder er muss die Verneinung und Bestätigung „LA ILAHA ILLALLAH“ wiederholen. 

    Dieses tägliche Dhikr bringt den Suchenden in die vollkommene Gegenwart des Einen, des Gepriesenen.

    Das Dhikr der Verneinung und Bestätigung erfordert in der Ausführungsweise der Naqshbandi Sufi Meister, dass der Suchende seine Augen und seinen Mund schließt, seine Zähne zusammenpresst, seine Zunge an den Gaumen drückt und seinen Atem anhält. Er muss durch sein Herz das Dhikr der Verneinung und Bestätigung rezitieren, in dem er mit dem Wort LA („kein“) anfängt. Er erhebt dieses „kein“ von seinem Bauchnabel bis zu seinem Gehirn. Mit dem erreichen des Gehirns bringt das Wort „kein“ das Wort ILAHA („Gott“) hervor, es bewegt sich von seinem Gehirn zu seiner linken Schulter und stößt mit den Worten ILLALLAH („außer Gott“) auf das Herz. Sobald dieses Wort das Herz berührt, wird seine Energie und Wärme in alle Körperteile befördert. Der Suchende, der alles was in dieser Welt existiert mit den Worten LA ILAHA verneint hat, bestätigt mit den Worten ILLALLAH, dass alles was existiert sich in der göttlichen Gegenwart aufgelöst hat.

    Der Suchende wiederholt das in jedem Atemzug mit seinem Herzen, beim Ein- und Ausatmen, in der Anzahl, die ihm der Sheikh vorschrieb. Schließlich wird der Suchende eine Stufe erreichen, in der er in einem Atemzug 23 mal LA ILAHA ILLALLAH wiederholen kann. Ein vollkommener Sheikh kann LA ILAHA ILLALLAH unendlich oft in jedem Atemzug wiederholen. Die Bedeutung dieser Übung ist, dass das einzige Ziel für uns Allah ist und es neben Ihm kein anderes Ziel für uns gibt. Nachdem man auf die göttliche Gegenwart als die Einzige Existenz schaut, bringt all dies in dem Herzen des Muriden die Liebe des Propheten  hervor, und er sagte dann: „ MUHAMMADUN RASULALLAH („Muhammed ist der Gesandte Gottes“), was zugleich das Herz der göttlichen Gegenwart ist.

  • 6.Rückkehr („baz gasht“)

    Dies ist ein Zustand, in der der Suchende, das Dhikr mit der Verneinung und Bestätigung macht und die folgende Aussage des Heiligen Propheten (sav) lernt zu verstehen:

    „ilahi anta maqsusdi wa ridaka matlubi“ („O mein Gott, Du bist mein Ziel und Dein Erfreuen ist meine Absicht.“). Die Rezitation dieses Ausspruches wird das Bewusstsein des Suchenden für die Einheit Gottes verstärken, bis er einen Zustand erreicht, in dem jegliche Existenz der Schöpfung vor seinen Augen verschwindet. Alles was er sieht, überall wo er hinschaut, sieht er den vollkommenen Einen. Die Naqshbandi murids rezitieren diese Art des Dhikrs, um das Geheimnis der Einheit aus ihren Herzen herauszubekommen und sich selbst für die Wirklichkeit der einmaligen göttlichen Gegenwart zu öffnen. Der Anfänger darf dieses Dhikr nicht aufgeben, nur weil er die Erscheinung dieser Kraft in seinem Herzen nicht sehen kann. Er muss es weiter machen als eine Nachahmung seines Sheikhs, da der Prophet  sagte: „Wer immer eine Gruppe nachahmt, wird zu diesen Leuten gehören.“ Und wer auch immer seinen Sheikh nachahmt, wird irgendwann sehen wie dieses Geheimnis in seinem Herzen offenbart wird.

    Die Bedeutung von „baz gasht“ ist, zu Allah, dem Erhabenen und Allmächtigen, zurückzukehren und zwar durch die vollständige Hingabe und dem Gehorsam, Seinen Willen gegenüber und Ihn in vollständiger Demut Seinen Lobpreis gebührend zu preisen. Der Heilige Prophet sagte in seinem Bittgebet: „ma dhakarnaka haqqa dhikrika ya Madhkur“ („Wir haben uns nicht in dem Maße an Dich erinnert in der es Dir gebührt, O Allah“). Der Suchende kann nicht zu der Gegenwart Allahs in seinem Dhikr kommen, noch kann er die Geheimnisse und Eigenschaften Allahs in seinem Dhikr zur Offenbarung bringen, solange er nicht mit Allahs Hilfe und mit Allahs Erinnerung an den Suchenden Dhikr macht. Bayazid sagte einmal: „Als ich Ihn erreichte sah ich, dass Seine Erinnerung an mich, meiner Erinnerung an Ihn voraus ist.“ Der Suchende kann Dhikr nicht durch sich selbst machen. Er muss anerkennen, dass Allah Derjenige ist, Der in ihm Dhikr macht.

    7.Aufmerksamkeit („nigah dasht“)

    „Nigah“ bedeutet die Sicht. Es bedeutet, dass der Suchende beobachten muss, was in seinem Herzen ist, und es vor dem Eintreten von schlechten Gedanken beschützen muss. Schlechte Neigungen halten das Herz vorm Eintreten in das Göttliche fern. Bei den Naqshbandiyya gilt es als eine große Tat sein Herz für 15 Minuten vor schlechten Einflüssen zu schützen. Wenn man das schafft, gilt man als ein echter Sufi.

  • Sufismus ist die Kraft, sein Herz vor schlechten Gedanken und Neigungen zu schützen. Wer diese zwei Ziele erreicht, kennt sein Herz und wer sein Herz kennt, kennt seinen Herrn. Der Heilige Prophet  sagte: „Wer sich selbst kennt, kennt seinen Herrn.“

    Ein Sufi Sheikh sagte: „Weil ich mein Herz für zehn Nächte beschützte, beschützte es mich für 20 Jahre.“

    Abu Bakr al-Qaittani sagte: „Ich war für 40 Jahre der Wächter an der Tür meines Herzens und ich öffnete es für niemanden außer für Allah, dem Allmächtigen und Erhabenen, bis mein Herz niemand und nichts außer Allah, den Allmächtigen und Erhabenen, kannte.“

    Abul Hassan al-Kharqani sagte: „Es sind schon 40 Jahre, dass Allah in mein Herz schaut und niemanden außer Sich selbst sieht. Es gibt keinen Platz in meinem Herzen für jemand anderes als Allah.“

    8.Erinnerung („yada dasht“)

    Es bedeutet, dass der, der Dhikr macht, sein Herz mit Verneinung und Bestätigung in jedem Atemzug schützt, ohne die Gegenwart Allahs, des Allmächtigen und Erhabenen, zu verlassen. Es bedeutet, dass der Suchende ununterbrochen sein Herz mit der göttlichen Gegenwart Allahs verbunden haben muss. Das ermöglicht ihm, das Licht der einmaligen Essenz (anwar adh-dhat al-Ahadiyya) Gottes klar zu erkennen und zu manifestieren. Daraufhin wirft er drei von vier Arten der Gedanken von sich: Die egoistischen Gedanken, die bösen Gedanken und die engelhaften Gedanken und behält und versichert allein die vierte Art der Gedanken, die haqqani oder wahren Gedanken. Dies wird den Suchenden durch das Ablegen all seiner Einbildungen zu der höchsten Stufe der Vollkommenheit führen und er erfasst nur noch die Wirklichkeit, die die Einheit Allahs, des Allmächtigen und Erhabenen.

    Abdul Khaliq al-Ghujdawani hatte vier Khalifen. Der erste war Sheikh Ahmad as-Sadiq, aus Buchara. Der zweite war Kabir al-Awliya („der größte der Heiligen“), Sheikh Arif Awliya al-Kabir . Er kam aus Buchara und war der größte Gelehrte in bei dem, der äußeren Form und der inneren Wirklichkeit der Wissenschaften. Der dritte Khalif war Sheikh Sulaiman al-Kirmani . Der vierte Khalif war Arif ar-Riwakri (ks). Er ist der vierte, dem Abdul Khaliq das Geheimnis der Goldenen Kette weitergab, bevor er am 12. Rabiul-Awwal 575 n. H. diese Welt verließ.

  • Er war bekannt als der Sheikh der Wunder, einer, der wie die Sonne schien. Er war der Meister der hohen Stufen der Spiritualität seiner Zeit. Er war ein vollkommener Kenner (arif kamil) des Sufismus und hatte in der Askese Perfektion erreicht. Er gilt als Urquell dieses ehrenwürdigen Sufi Ordens und als der Urquell der Khwajagan (Meister Zentralasiens).

    Sein Vater war Sheikh Abdul Jamil, zu Zeiten des byzantinischen Reiches einer der berühmtesten Gelehrten in beiden Wissenschaften, in der, der äußeren Form und in der, der inneren Wirklichkeit. Seine Mutter war eine Prinzessin, die Tochter des Königs der anatolischen Seldschuken.

    Abdul Khaliq wurde in Ghujdawan, eine Stadt in der Nähe von Buchara in dem heutigen Usbekistan, geboren. Er lebte dort und verließ dort diese Welt. Er stammte von Imam Malik (ks) ab. In seiner Kindheit studierte er den Quran und seine Tafsir (Exegesen), die ilm al-Hadith (Wissenschaft der prophetischen Traditionen), die Wissenschaften der arabischen Sprache und Rechtswissenschaft bei Sheikh Sadruddin. Nachdem er die Shariah (Rechtswissenschaft) beherrschte, machte er mit dem Jihad an-nafs (spiritueller Kampf) weiter, bis er eine hohe Stufe der Reinheit erreichte. Daraufhin ging er nach Damaskus, wo er eine Schule gründete, bei der viele Schüler graduierten. Jeder wurde in den Gebieten Zentralasiens und des Mittleren Ostens sowohl ein Meister der Fiqh und der Hadith, als auch der Spiritualität in beiden Gebieten.

    Der Autor des Buches al-Hadaiq al-Wardiyya berichtet uns, wie er seine hohe Stufe innerhalb der Goldenen Kette erlangte: „Er traf Khidr  und begleitete ihn. Von ihm erlernte er das himmlische Wissen zusätzlich zu dem spirituellen Wissen, das er von seinem Sheikh Yusuf al-Hamadani erhielt.

    Eines Tages, als er in der Gegenwart Sheikh Sadruddins den Quran rezitierte, stieß er auf den folgenden Vers: „Ruft demütig in der Verborgenheit eurer Herzen nach eurem Versorger. Wahrlich, Er liebt nicht diejenigen, die die Grenzen, von dem was Richtig ist, überschreiten.“ [7:55]. Diese Ayat brachte ihn dazu Sheikh Sadruddin über die Wirklichkeit des stillen Dhikrs und seine Methodik zu befragen. Abdul Khaliq fragte folgendermaßen: „Beim lauten Dhikr musst du deine Zunge benutzen und die Menschen können dich hören und sehen, wohingegen beim stillen Dhikr des Herzens wahrscheinlich Sheytan lauscht und dich hört, da der Prophet (sav) in seiner heiligen Hadith sagte: `Sheytan bewegt sich frei in den Adern und Arterien der Kinder Adams.

  • ’Was also, O mein Sheikh Sadruddin, ist die Wirklichkeit von `Ruft in der Verborgenheit eurer Herzen?’ Sein Sheikh antwortete: „O mein Sohn, dies ist verborgenes, himmlisches Wissen und ich wünsche, dass Allah, der Erhabene und Allmächtige, einen Seiner Heiligen zu dir schickt und auf deiner Zunge und in deinem Herzen die Wirklichkeit des verborgenen Dhikrs erweckt.“

    Von da an wartete Sheikh Abdul Khaliq al-Ghujdawani auf die Erfüllung dieses Gebets. Eines Tages traf er Khidr (ks), der zu ihm sagte: „Nun, mein Sohn, habe ich die Erlaubnis des Propheten (sav) auf deiner Zunge und in deinem Herzen das verborgene Dhikr mit seinen Zahlen zu erwecken.“ Er befahl ihm, unter Wasser zu tauchen und in seinem Herzen Dhikr (LA ILAHA ILLALLAH MUHAMMADUN RASUL ALLAH) zu machen. Er machte diese Form des Dhikrs jeden Tag, bis sich das Licht des Göttlichen, die Weisheit des Göttlichen, die Liebe und die Anziehungskraft des Göttlichen in seinem Herzen offenbarten. Aufgrund dieser Begünstigungen wurden die Leute zu Abdul Khaliq angezogen und versuchten seinen Schritten zu folgen und er brachte sie wiederum dazu dem Weg des Propheten (sav) zu folgen.

    Er war der erste, dem in diesem ehrenwerten Sufi Orden offenbart wurde, dieses stille Dhikr zu benutzen und er galt sogleich als der Meister dieser Form des Dhikrs. Als sein spiritueller Sheikh al-Ghawth ar-Rabbani, Yusuf al-Hamadani, nach Buchara kam, verbrachte er die Zeit, ihm zu dienen. Er sagte über ihn: „Als ich 22 Jahre alt wurde, befahl Sheikh Yusuf al-Hamadani Khidr, meine Stufe weiter zu erhöhen und bis zu meinem Tode ein Auge auf mir zu haben.“

    Sheikh Muhammed Parsa, ein Freund und Biographieschreiber Shah Naqshbands, sagte in seinem Buch Faslul-Kitab, dass Khwaja Abdul Khaliq al-Ghujdawanis Methode des Dhikr und die Lehren seiner acht Prinzipien von allen 40 Tariqats begrüßt und angenommen wurden als der Weg der Wahrheit und der Treue, der Weg des bewussten Folgens der Sunah des Propheten, in dem man von Neuerungen ablässt und gewissenhaft seine niedrigen Begierden ablehnt. Dadurch wurde er zum Meister seiner Zeit und der erste in jener Meisterreihe der Spiritualität.

    Sein Ruf als ein perfekter spiritueller Meister wurde weit verbreitet. Besucher aus jedem Land pflegten es, zu ihm zu strömen. Er versammelte treue und aufrichtige Muriden um sich, die er trainierte und lehrte. Diesbezüglich schrieb er einen Brief an seinen Sohn, al-Qalb al-Mubarak, Sheikh Awliya al-Kabir, um das Benehmen der Anhänger dieses Ordens zu beschreiben. In dem Brief steht:

  • „O mein Sohn, ich bitte dich dringend, dir Wissen und rechtschaffenes Benehmen und die Furcht vor Allah anzueignen. Folge dem Weg der Salaf (frühere Generation). Halte an der Sunnah des Propheten (sav) fest und sei mit den aufrichtigen Gläubigen. Studiere die Rechtswissenschaft, die Lebensgeschichte des Propheten (sav) und die Exegesen (tafsir) des Qurans. Meide unwissende Scharlatane, und pflege das Gebet in der Gemeinschaft. Nehme dich in Acht vor Ruhm und seinen Gefahren. Sei unter den gewöhnlichen Menschen und strebe nicht nach gesellschaftlichem Rang. Gehe keine Freundschaften ein weder mit Königen, mit ihren Kindern noch mit Leuten, die nach Erneuerungen streben. Sei schweigsam, iss und schlaf nicht übermäßig. Renne vor Leuten weg, so wie du vor den Löwen wegrennst. Pflege die Zurückgezogenheit. Iss erlaubtes Essen und meide zweifelhafte Taten, außer in höchster Notwendigkeit. Halte die Liebe zu dieser niedrigen Welt von dir fern, weil sie dich verzaubern und gefangen nehmen kann. Lache nicht zu viel, weil zu viel Lachen den Tod des Herzens mit sich zieht. Erniedrige niemanden. Preise nicht dich selbst. Streite nicht mit Leuten. Bitte von keinem außer Allah. Bitte keinen dir zu dienen. Diene deinen Sheikhs mit deinem Geld und deiner Kraft und kritisiere sie nicht aufgrund ihrer Taten. Da man sie nicht versteht, ist der, der sie kritisiert nicht sicher. Mache deine Taten aufrichtig, indem du sie nur Allah widmest. Bete zu Ihm in Demut. Mache deine Arbeit, die Rechtswissenschaft, mache deine Moschee zu deinem Zuhause und Allah zu deinem Freund.“

    Die Grundbestandteile des Naqshbandi Weges

    Abdul Khaliq al-Ghujdawani prägte das Folgende, das heute als die Grundbestandteile des Naqshbandi Sufi Ordens gelten:

    1.Bewusstes Atmen („Hosh dar dam“)

    Hosh bedeutet „Geist“. Dar bedeutet „in“. Dam bedeutet „Atem“. Nach Abdul Khaliq al-Ghujduwani (ks) bedeutete es:
    „Der vernünftig Suchende muss seinen Atem beim ein- und ausatmen vor Unachtsamkeit bewahren. Dadurch hält er sein Herz immer in der göttlichen Gegenwart präsent. Er muss seinen Atem mit Gottesdienst und Dienerschaft erfrischen und dann diesen Gottesdienst Allah voller Vitalität übergeben. Jeder Atem, der bewusst ein- und ausgeatmet wird ist lebendig und mit der göttlichen Gegenwart verbunden. Jeder Atem der mit Unachtsamkeit ein- und ausgeatmet wird ist tot, getrennt von der göttlichen Gegenwart.“

  • Ubaidallah al-Ahrar  sagte: „Die wichtigste Aufgabe eines Suchenden in diesem Orden ist, seinen Atem zu schützen. Über den, der nicht im Stande ist seinen Atem zu beschützen, kann man sagen, dass er sich gerade verloren hat.“

    Shah Naqshband (ks) sagte: „Dieser Orden ist auf dem Atem aufgebaut. Also ist es ein Muss für jeden seinen Atem beim Ein- und Ausatmen und in der Zeit dazwischen zu bewahren.“

    Sheikh Abul Janab Najmuddin al-Kubra sagte in seinem Buch Fawatih al-Jamal: „Dhikr fließt durch das Atmen in den Körper jedes Lebewesens – sogar ohne, dass sie es wollen. Das ist ein Zeichen ihrer Gehorsamkeit, die Teil jedes Geschöpfes ist. Durch ihr Atmen erzeugen sie den Laut „Ha“ des göttlichen Namens Allah. Das ist sogleich ein Zeichen der Essenz des Ungesehenen, das dafür dient, die Einmaligkeit Allahs zu bestätigen. Deshalb ist es notwendig bei jeder Atmung präsent zu sein, um die Essenz des Schöpfers zu realisieren.“

    Der Name Allah, der die 99 Namen und Eigenschaften umfasst, besteht aus vier Buchstaben Alif, Lam, Lam und Hah (Allah). Sufis sagen, dass die absolute ungesehene Essenz Allahs, dem Erhabenen und Allmächtigen, mit dem letzten Buchstaben „Ha“, das durch das Alif vokalisiert wird, zum Ausdruck gebracht wird. Es repräsentiert das absolute ungesehene „Er“ Allahs, dem Erhabenen, (Ghayb al-Huwiyya al-Mutlaqa lillah ‹azza wa jall). Das erste Lam steht für die Identifizierung (tarif) und das zweite Lam stellt die Betonung (mublagha) dar.

    Deinen Atem vor Unachtsamkeit zu schützen, bringt dich zur vollständigen Gegenwärtigkeit, und diese Gegenwärtigkeit führt dich zur vollkommenen Vision und diese Vision leitet dich weiter zur vollständigen Offenbarung von Allahs 99 Namen und Eigenschaften. Allah bringt dich zur Offenbarung Seiner 99 Namen und Eigenschaften, da gesagt ist: „Allahs Eigenschaften sind so zahlreich wie der Atem des Mensches.“

    Jeder weiß, dass es für die Suchenden schwierig ist seinen Atem vor Unachtsamkeit zu bewahren. Deshalb müssen sie ihn durch die Reue (istighfar) schützen. Diese Reue wird ihn reinigen und heiligen und den Suchenden überall auf die Offenbarung Allahs vorbereiten.

    2.Beobachte deine Schritte („Nazar bar qadam“)

    Es bedeutet, dass während der Suchende läuft, er auf seine Füße schauen muss.

  • Wo auch immer er gerade hintritt, sein Auge muss dort sein. Er darf nicht umher blicken, da unnötige Blicke das Herz verhüllen. Die meisten Schleier auf dem Herzen sind durch die Bilder hervorgerufen, die täglich von deinem Auge in das Gehirn übermittelt werden. Aufgrund der verschieden Arten von Lüsten, die von deinem Gehirn geprägt sind, könnte es dein Herz durch Unruhen stören. Diese Bilder sind wie Verschleierungen auf dem Herzen. Sie blockieren das Licht der göttlichen Gegenwart. Das ist der Grund warum Sufi Heilige es ihren Anhängern, die ihr Herz gerade durch ständiges Dhikr gereinigt haben, nicht erlauben woanders als auf ihre Füße zu schauen. Ihre Herzen sind wie Spiegel, die jedes Bild leicht reflektieren und erfassen können. Das könnte sie ablenken und Unreinheiten in ihren Herzen erzeugen. Daher muss der Suchende nach unten schauen, um nicht von den Pfeilen der Teufel angegriffen zu werden.

    Nach unten zu blicken ist zugleich ein Zeichen der Demütigkeit; stolze und arrogante Leute würden nie auf ihre Füße hinunter blicken. Außerdem ist es ein Zeichen, dass man dem Weg des Propheten  folgt, der während er lief nie nach rechts oder links, sondern immer auf seine Füße schaute und sich unerschütterlich seinem Ziel näherte. Zudem ist es ein Zeichen einer hohen Stufe, wenn der Suchende nirgendwohin als zu seinem Herrn schaut. Genauso wie jemand es beabsichtig, sein Ziel zügig zu erreichen, so bewegt sich der Suchende auf eine schnelle Weise zu Allahs göttlicher Gegenwart, ohne dabei nach rechts oder links zu blicken, ohne nach diesen weltlichen Lüsten zu suchen, sondern er läuft nur mit dem Ziel der göttlichen Gegenwart vor sich.

    Imam ar-Rabbani Ahmad al-Faruqi (ks) sagte in seinem 295. Brief seiner Maktubat:

    „Der Blick ist dem Schritt voraus und die Schritte folgen somit dem Blick. Der Aufstieg zu einem hohen Zustand geschieht zuerst durch das Sehen, dann durch den Schritt. Wenn der Schritt diese Stufe erreicht, wird der Blick auf einen höheren Zustand gerichtet, zu dem dann der Schritt folgt. Dann wird der Blick noch höher emporgehoben und der Schritt folgt erneut. Das geht so weiter bis der Blick mit dem ihm folgenden Schritt den Zustand der Vollkommenheit erreicht. Wir sagen: `Wenn die Schritte dem Blick folgen, dann ist der murid bereit, sich den Schritten des Propheten (sav) zu nähern. Daher gelten die Schritte des Propheten (sav) als der Ursprung aller Schritte.’”

    Shah Naqshband  sagte: „Wenn wir auf die Fehler anderer schauen, werden wir freundlos sein, da niemand perfekt ist.“

  • 3.Reise heimwärts („safar dar watan“)

    Es bedeutet, zu seiner Heimat zurückzukehren. Das heißt, der Suchende reist von der Welt der Schöpfung zur Welt des Schöpfers. Es ist überliefert, dass der Prophet (sav) sagte: „Ich gehe zu meinem Herrn von einem Zustand zu einem besseren, von einer Stufe zu einer höheren.“ Der Suchende muss von den Lüsten für das Verbotene zu der Begierde nach der göttlichen Gegenwart reisen.

    Der Naqshbandi Sufi Orden teilte jene Reise in zwei Kategorien ein. Die erste ist die äußere Reise und die zweite ist die innere. Das äußere Reisen ist das Reisen von einem Land zum anderen auf der Suche nach einem perfekten Wegweiser, der einen zu seinem Ziel bringt. Das befähigt dich dann zur inneren Reise. Suchenden, die einen perfekten Führer gefunden haben, ist es verboten auf eine weitere äußere Reise zu gehen. In der äußeren Reise gibt es nämlich viele Schwierigkeiten, die ein Anfänger nicht meistern kann, ohne dabei in verbotenen Taten unterzugehen, da sie in ihrem Gottesdienst noch schwach sind.

    Die zweite Kategorie ist die innere Reise. Diese Reise braucht ein Suchender, der sein schlechtes Verhalten zurücklässt und sich ehrenwertes Verhalten aneignet, um die weltlichen Wünsche aus seinem Herzen hinauszuwerfen. Er wird von einem Zustand der Unreinheit zu einem Zustand der Reinheit emporgehoben. Zu diesem Zeitpunkt wird er nicht mehr nach inneren Reisen bedürfen. Er wird sein Herz gereinigt haben; sein Herz ist rein wie Wasser, klar wie ein Kristall, glänzend wie ein Spiegel und es zeigt die Wirklichkeiten aller Sachen, die er in seinem täglichen Leben braucht, ohne dafür äußerlich etwas zu machen. In seinem Herzen wird alles erscheinen, was er für sein tägliches Leben und das Leben um ihn herum braucht.

    4.Einsamkeit in der Menschenmenge („khalwat dar anjuman“)

    „Khalwat“ bedeutet Zurückgezogenheit. Es bedeutet äußerlich mit Menschen und innerlich mit Allah zu sein. Es gibt ebenfalls zwei Arten der Zurückgezogenheit. Die erste ist die äußere Zurückgezogenheit und die zweite ist die innere Zurückgezogenheit.

    Die äußere Zurückgezogenheit erfordert von einem Suchenden, sich von dieser Welt an einem stillen Ort einzuschließen. Er muss dort ganz alleine sein, meditieren und sich auf Dhikrullah, Erinnerung an Gott, konzentrieren, um einen Zustand zu ereichen, in dem sich ihm das himmlische Königreich offenbart. Sobald du deine äußeren Sinne ankettest, werden deine inneren Sinne frei sein, das himmlische Königreich zu erreichen.

  • Das bringt dich zur zweiten Art: Die innere Zurückgezogenheit.

    Die innere Zurückgezogenheit bedeutet Zurückgezogenheit unter den Menschen. In diesem Zustand muss das Herz des Suchenden seinem Herrn gegenwärtig und von Seiner Schöpfung abwesend sein, während er physisch unter ihnen ist. Es wird gesagt: „Der Suchende wird so stark mit Dhikr in seinem Herzen beschäftigt sein, dass wenn er sich in einer großen Menschenmenge befindet, er keine Stimmen hört. Dieser Zustand des Dhikrs überwältigt ihn. Die Offenbarung der göttlichen Gegenwart zieht ihn zu sich und bringt ihn dazu, niemandem außer seinem Herrn gewahr zu sein. Das ist der höchste Zustand der Zurückgezogenheit und es gilt als die wahre Zurückgezogenheit, so wie es im Quran erwähnt wird: „Menschen, die weder durch ihre Arbeit noch durch Ertrag von der Erinnerung an Gott abgelenkt werden.“ [24:37]. Das ist der Weg des Naqshbandi Sufi Ordens.

    Die wahre Zurückgezogenheit der Sheikhs des Naqshbandi Ordens ist die innere Zurückgezogenheit. Sie sind mit ihren Herrn und gleichzeitig mit Menschen. Der Prophet (sav) sagte: „Ich habe zwei Seiten: Eine richtet sich meinem Schöpfer, die andere der Schöpfung zu“. Shah Naqshband unterstreicht das Gute der Zusammenkunft mit der Aussage: „Tariqatuna as-suhbat wa-l-khairu fil-jamciyyat“ („Unser Weg ist die Kameradschaft und Gutes ist in der Versammlung“)

    Es wird gesagt, dass der Gläubige, der unter Menschen ist und ihre Lasten tragen kann, besser ist als der Gläubige, der sich vor Menschen abschottet. Über diesen heiklen Punkt sagte Imam Rabbani:

    „Jeder muss wissen, dass am Anfang der Suchende die äußere Zurückgezogenheit wählen sollte, um sich zu isolieren, zu beten und sich auf Allah, dem Allmächtigen und Erhabenen, zu konzentrieren, bis er einen höheren Zustand erreicht. Zu diesem Zeitpunkt wird sein Sheikh ihn mit den Worten Sayyid al-Kharrazs raten: `Perfektion liegt nicht im Vollbringen von Wundern, sondern es liegt darin, unter Menschen zu sitzen, seine Arbeit zu betreiben, eine Familie zu gründen und dabei niemals die Gegenwart Allahs für einen Moment zu verlassen. ’“

    5.Erforderliche Erinnerung („yad kard“)

    „Yad“ bedeutet Dhikr und „kard“ heißt Essenz des Dhikrs. Der Suchende muss Dhikr durch Verneinung und Bestätigung mit seiner Zunge machen, bis er den Zustand des Nachsinnens des Herzens (muraqaba) erreicht.

  • Dieser Zustand kann durch das rezitieren der Verneinung (LA ILAHA) und der Bestätigung (ILLALLAH) mit der Zunge zwischen 5.000 und 10.000 mal erreicht werden. Dadurch werden die Flecken, die das Herz bedecken und einrosten, entfernt. Das Dhikr poliert das Herz und befördert den Suchenden in einen Zustand der Offenbarungen. Er muss dieses Dhikr täglich verrichten. Er muss mit der Zunge und mit dem Herzen Allah rezitieren, den Namen Gottes Essenz, der alle anderen Namen und Eigenschaften einschließt, oder er muss die Verneinung und Bestätigung „LA ILAHA ILLALLAH“ wiederholen. 

    Dieses tägliche Dhikr bringt den Suchenden in die vollkommene Gegenwart des Einen, des Gepriesenen.

    Das Dhikr der Verneinung und Bestätigung erfordert in der Ausführungsweise der Naqshbandi Sufi Meister, dass der Suchende seine Augen und seinen Mund schließt, seine Zähne zusammenpresst, seine Zunge an den Gaumen drückt und seinen Atem anhält. Er muss durch sein Herz das Dhikr der Verneinung und Bestätigung rezitieren, in dem er mit dem Wort LA („kein“) anfängt. Er erhebt dieses „kein“ von seinem Bauchnabel bis zu seinem Gehirn. Mit dem erreichen des Gehirns bringt das Wort „kein“ das Wort ILAHA („Gott“) hervor, es bewegt sich von seinem Gehirn zu seiner linken Schulter und stößt mit den Worten ILLALLAH („außer Gott“) auf das Herz. Sobald dieses Wort das Herz berührt, wird seine Energie und Wärme in alle Körperteile befördert. Der Suchende, der alles was in dieser Welt existiert mit den Worten LA ILAHA verneint hat, bestätigt mit den Worten ILLALLAH, dass alles was existiert sich in der göttlichen Gegenwart aufgelöst hat.

    Der Suchende wiederholt das in jedem Atemzug mit seinem Herzen, beim Ein- und Ausatmen, in der Anzahl, die ihm der Sheikh vorschrieb. Schließlich wird der Suchende eine Stufe erreichen, in der er in einem Atemzug 23 mal LA ILAHA ILLALLAH wiederholen kann. Ein vollkommener Sheikh kann LA ILAHA ILLALLAH unendlich oft in jedem Atemzug wiederholen. Die Bedeutung dieser Übung ist, dass das einzige Ziel für uns Allah ist und es neben Ihm kein anderes Ziel für uns gibt. Nachdem man auf die göttliche Gegenwart als die Einzige Existenz schaut, bringt all dies in dem Herzen des Muriden die Liebe des Propheten  hervor, und er sagte dann: „ MUHAMMADUN RASULALLAH („Muhammed ist der Gesandte Gottes“), was zugleich das Herz der göttlichen Gegenwart ist.

  • 6.Rückkehr („baz gasht“)

    Dies ist ein Zustand, in der der Suchende, das Dhikr mit der Verneinung und Bestätigung macht und die folgende Aussage des Heiligen Propheten (sav) lernt zu verstehen:

    „ilahi anta maqsusdi wa ridaka matlubi“ („O mein Gott, Du bist mein Ziel und Dein Erfreuen ist meine Absicht.“). Die Rezitation dieses Ausspruches wird das Bewusstsein des Suchenden für die Einheit Gottes verstärken, bis er einen Zustand erreicht, in dem jegliche Existenz der Schöpfung vor seinen Augen verschwindet. Alles was er sieht, überall wo er hinschaut, sieht er den vollkommenen Einen. Die Naqshbandi murids rezitieren diese Art des Dhikrs, um das Geheimnis der Einheit aus ihren Herzen herauszubekommen und sich selbst für die Wirklichkeit der einmaligen göttlichen Gegenwart zu öffnen. Der Anfänger darf dieses Dhikr nicht aufgeben, nur weil er die Erscheinung dieser Kraft in seinem Herzen nicht sehen kann. Er muss es weiter machen als eine Nachahmung seines Sheikhs, da der Prophet  sagte: „Wer immer eine Gruppe nachahmt, wird zu diesen Leuten gehören.“ Und wer auch immer seinen Sheikh nachahmt, wird irgendwann sehen wie dieses Geheimnis in seinem Herzen offenbart wird.

    Die Bedeutung von „baz gasht“ ist, zu Allah, dem Erhabenen und Allmächtigen, zurückzukehren und zwar durch die vollständige Hingabe und dem Gehorsam, Seinen Willen gegenüber und Ihn in vollständiger Demut Seinen Lobpreis gebührend zu preisen. Der Heilige Prophet sagte in seinem Bittgebet: „ma dhakarnaka haqqa dhikrika ya Madhkur“ („Wir haben uns nicht in dem Maße an Dich erinnert in der es Dir gebührt, O Allah“). Der Suchende kann nicht zu der Gegenwart Allahs in seinem Dhikr kommen, noch kann er die Geheimnisse und Eigenschaften Allahs in seinem Dhikr zur Offenbarung bringen, solange er nicht mit Allahs Hilfe und mit Allahs Erinnerung an den Suchenden Dhikr macht. Bayazid sagte einmal: „Als ich Ihn erreichte sah ich, dass Seine Erinnerung an mich, meiner Erinnerung an Ihn voraus ist.“ Der Suchende kann Dhikr nicht durch sich selbst machen. Er muss anerkennen, dass Allah Derjenige ist, Der in ihm Dhikr macht.

    7.Aufmerksamkeit („nigah dasht“)

    „Nigah“ bedeutet die Sicht. Es bedeutet, dass der Suchende beobachten muss, was in seinem Herzen ist, und es vor dem Eintreten von schlechten Gedanken beschützen muss. Schlechte Neigungen halten das Herz vorm Eintreten in das Göttliche fern. Bei den Naqshbandiyya gilt es als eine große Tat sein Herz für 15 Minuten vor schlechten Einflüssen zu schützen. Wenn man das schafft, gilt man als ein echter Sufi.

  • Sufismus ist die Kraft, sein Herz vor schlechten Gedanken und Neigungen zu schützen. Wer diese zwei Ziele erreicht, kennt sein Herz und wer sein Herz kennt, kennt seinen Herrn. Der Heilige Prophet  sagte: „Wer sich selbst kennt, kennt seinen Herrn.“

    Ein Sufi Sheikh sagte: „Weil ich mein Herz für zehn Nächte beschützte, beschützte es mich für 20 Jahre.“

    Abu Bakr al-Qaittani sagte: „Ich war für 40 Jahre der Wächter an der Tür meines Herzens und ich öffnete es für niemanden außer für Allah, dem Allmächtigen und Erhabenen, bis mein Herz niemand und nichts außer Allah, den Allmächtigen und Erhabenen, kannte.“

    Abul Hassan al-Kharqani sagte: „Es sind schon 40 Jahre, dass Allah in mein Herz schaut und niemanden außer Sich selbst sieht. Es gibt keinen Platz in meinem Herzen für jemand anderes als Allah.“

    8.Erinnerung („yada dasht“)

    Es bedeutet, dass der, der Dhikr macht, sein Herz mit Verneinung und Bestätigung in jedem Atemzug schützt, ohne die Gegenwart Allahs, des Allmächtigen und Erhabenen, zu verlassen. Es bedeutet, dass der Suchende ununterbrochen sein Herz mit der göttlichen Gegenwart Allahs verbunden haben muss. Das ermöglicht ihm, das Licht der einmaligen Essenz (anwar adh-dhat al-Ahadiyya) Gottes klar zu erkennen und zu manifestieren. Daraufhin wirft er drei von vier Arten der Gedanken von sich: Die egoistischen Gedanken, die bösen Gedanken und die engelhaften Gedanken und behält und versichert allein die vierte Art der Gedanken, die haqqani oder wahren Gedanken. Dies wird den Suchenden durch das Ablegen all seiner Einbildungen zu der höchsten Stufe der Vollkommenheit führen und er erfasst nur noch die Wirklichkeit, die die Einheit Allahs, des Allmächtigen und Erhabenen.

    Abdul Khaliq al-Ghujdawani hatte vier Khalifen. Der erste war Sheikh Ahmad as-Sadiq, aus Buchara. Der zweite war Kabir al-Awliya („der größte der Heiligen“), Sheikh Arif Awliya al-Kabir . Er kam aus Buchara und war der größte Gelehrte in bei dem, der äußeren Form und der inneren Wirklichkeit der Wissenschaften. Der dritte Khalif war Sheikh Sulaiman al-Kirmani . Der vierte Khalif war Arif ar-Riwakri (ks). Er ist der vierte, dem Abdul Khaliq das Geheimnis der Goldenen Kette weitergab, bevor er am 12. Rabiul-Awwal 575 n. H. diese Welt verließ.

  • Er war bekannt als der Sheikh der Wunder, einer, der wie die Sonne schien. Er war der Meister der hohen Stufen der Spiritualität seiner Zeit. Er war ein vollkommener Kenner (arif kamil) des Sufismus und hatte in der Askese Perfektion erreicht. Er gilt als Urquell dieses ehrenwürdigen Sufi Ordens und als der Urquell der Khwajagan (Meister Zentralasiens).

    Sein Vater war Sheikh Abdul Jamil, zu Zeiten des byzantinischen Reiches einer der berühmtesten Gelehrten in beiden Wissenschaften, in der, der äußeren Form und in der, der inneren Wirklichkeit. Seine Mutter war eine Prinzessin, die Tochter des Königs der anatolischen Seldschuken.

    Abdul Khaliq wurde in Ghujdawan, eine Stadt in der Nähe von Buchara in dem heutigen Usbekistan, geboren. Er lebte dort und verließ dort diese Welt. Er stammte von Imam Malik (ks) ab. In seiner Kindheit studierte er den Quran und seine Tafsir (Exegesen), die ilm al-Hadith (Wissenschaft der prophetischen Traditionen), die Wissenschaften der arabischen Sprache und Rechtswissenschaft bei Sheikh Sadruddin. Nachdem er die Shariah (Rechtswissenschaft) beherrschte, machte er mit dem Jihad an-nafs (spiritueller Kampf) weiter, bis er eine hohe Stufe der Reinheit erreichte. Daraufhin ging er nach Damaskus, wo er eine Schule gründete, bei der viele Schüler graduierten. Jeder wurde in den Gebieten Zentralasiens und des Mittleren Ostens sowohl ein Meister der Fiqh und der Hadith, als auch der Spiritualität in beiden Gebieten.

    Der Autor des Buches al-Hadaiq al-Wardiyya berichtet uns, wie er seine hohe Stufe innerhalb der Goldenen Kette erlangte: „Er traf Khidr  und begleitete ihn. Von ihm erlernte er das himmlische Wissen zusätzlich zu dem spirituellen Wissen, das er von seinem Sheikh Yusuf al-Hamadani erhielt.

    Eines Tages, als er in der Gegenwart Sheikh Sadruddins den Quran rezitierte, stieß er auf den folgenden Vers: „Ruft demütig in der Verborgenheit eurer Herzen nach eurem Versorger. Wahrlich, Er liebt nicht diejenigen, die die Grenzen, von dem was Richtig ist, überschreiten.“ [7:55]. Diese Ayat brachte ihn dazu Sheikh Sadruddin über die Wirklichkeit des stillen Dhikrs und seine Methodik zu befragen. Abdul Khaliq fragte folgendermaßen: „Beim lauten Dhikr musst du deine Zunge benutzen und die Menschen können dich hören und sehen, wohingegen beim stillen Dhikr des Herzens wahrscheinlich Sheytan lauscht und dich hört, da der Prophet (sav) in seiner heiligen Hadith sagte: `Sheytan bewegt sich frei in den Adern und Arterien der Kinder Adams.

  • ’Was also, O mein Sheikh Sadruddin, ist die Wirklichkeit von `Ruft in der Verborgenheit eurer Herzen?’ Sein Sheikh antwortete: „O mein Sohn, dies ist verborgenes, himmlisches Wissen und ich wünsche, dass Allah, der Erhabene und Allmächtige, einen Seiner Heiligen zu dir schickt und auf deiner Zunge und in deinem Herzen die Wirklichkeit des verborgenen Dhikrs erweckt.“

    Von da an wartete Sheikh Abdul Khaliq al-Ghujdawani auf die Erfüllung dieses Gebets. Eines Tages traf er Khidr (ks), der zu ihm sagte: „Nun, mein Sohn, habe ich die Erlaubnis des Propheten (sav) auf deiner Zunge und in deinem Herzen das verborgene Dhikr mit seinen Zahlen zu erwecken.“ Er befahl ihm, unter Wasser zu tauchen und in seinem Herzen Dhikr (LA ILAHA ILLALLAH MUHAMMADUN RASUL ALLAH) zu machen. Er machte diese Form des Dhikrs jeden Tag, bis sich das Licht des Göttlichen, die Weisheit des Göttlichen, die Liebe und die Anziehungskraft des Göttlichen in seinem Herzen offenbarten. Aufgrund dieser Begünstigungen wurden die Leute zu Abdul Khaliq angezogen und versuchten seinen Schritten zu folgen und er brachte sie wiederum dazu dem Weg des Propheten (sav) zu folgen.

    Er war der erste, dem in diesem ehrenwerten Sufi Orden offenbart wurde, dieses stille Dhikr zu benutzen und er galt sogleich als der Meister dieser Form des Dhikrs. Als sein spiritueller Sheikh al-Ghawth ar-Rabbani, Yusuf al-Hamadani, nach Buchara kam, verbrachte er die Zeit, ihm zu dienen. Er sagte über ihn: „Als ich 22 Jahre alt wurde, befahl Sheikh Yusuf al-Hamadani Khidr, meine Stufe weiter zu erhöhen und bis zu meinem Tode ein Auge auf mir zu haben.“

    Sheikh Muhammed Parsa, ein Freund und Biographieschreiber Shah Naqshbands, sagte in seinem Buch Faslul-Kitab, dass Khwaja Abdul Khaliq al-Ghujdawanis Methode des Dhikr und die Lehren seiner acht Prinzipien von allen 40 Tariqats begrüßt und angenommen wurden als der Weg der Wahrheit und der Treue, der Weg des bewussten Folgens der Sunah des Propheten, in dem man von Neuerungen ablässt und gewissenhaft seine niedrigen Begierden ablehnt. Dadurch wurde er zum Meister seiner Zeit und der erste in jener Meisterreihe der Spiritualität.

    Sein Ruf als ein perfekter spiritueller Meister wurde weit verbreitet. Besucher aus jedem Land pflegten es, zu ihm zu strömen. Er versammelte treue und aufrichtige Muriden um sich, die er trainierte und lehrte. Diesbezüglich schrieb er einen Brief an seinen Sohn, al-Qalb al-Mubarak, Sheikh Awliya al-Kabir, um das Benehmen der Anhänger dieses Ordens zu beschreiben. In dem Brief steht:

  • „O mein Sohn, ich bitte dich dringend, dir Wissen und rechtschaffenes Benehmen und die Furcht vor Allah anzueignen. Folge dem Weg der Salaf (frühere Generation). Halte an der Sunnah des Propheten (sav) fest und sei mit den aufrichtigen Gläubigen. Studiere die Rechtswissenschaft, die Lebensgeschichte des Propheten (sav) und die Exegesen (tafsir) des Qurans. Meide unwissende Scharlatane, und pflege das Gebet in der Gemeinschaft. Nehme dich in Acht vor Ruhm und seinen Gefahren. Sei unter den gewöhnlichen Menschen und strebe nicht nach gesellschaftlichem Rang. Gehe keine Freundschaften ein weder mit Königen, mit ihren Kindern noch mit Leuten, die nach Erneuerungen streben. Sei schweigsam, iss und schlaf nicht übermäßig. Renne vor Leuten weg, so wie du vor den Löwen wegrennst. Pflege die Zurückgezogenheit. Iss erlaubtes Essen und meide zweifelhafte Taten, außer in höchster Notwendigkeit. Halte die Liebe zu dieser niedrigen Welt von dir fern, weil sie dich verzaubern und gefangen nehmen kann. Lache nicht zu viel, weil zu viel Lachen den Tod des Herzens mit sich zieht. Erniedrige niemanden. Preise nicht dich selbst. Streite nicht mit Leuten. Bitte von keinem außer Allah. Bitte keinen dir zu dienen. Diene deinen Sheikhs mit deinem Geld und deiner Kraft und kritisiere sie nicht aufgrund ihrer Taten. Da man sie nicht versteht, ist der, der sie kritisiert nicht sicher. Mache deine Taten aufrichtig, indem du sie nur Allah widmest. Bete zu Ihm in Demut. Mache deine Arbeit, die Rechtswissenschaft, mache deine Moschee zu deinem Zuhause und Allah zu deinem Freund.“

    Die Grundbestandteile des Naqshbandi Weges

    Abdul Khaliq al-Ghujdawani prägte das Folgende, das heute als die Grundbestandteile des Naqshbandi Sufi Ordens gelten:

    1.Bewusstes Atmen („Hosh dar dam“)

    Hosh bedeutet „Geist“. Dar bedeutet „in“. Dam bedeutet „Atem“. Nach Abdul Khaliq al-Ghujduwani (ks) bedeutete es:
    „Der vernünftig Suchende muss seinen Atem beim ein- und ausatmen vor Unachtsamkeit bewahren. Dadurch hält er sein Herz immer in der göttlichen Gegenwart präsent. Er muss seinen Atem mit Gottesdienst und Dienerschaft erfrischen und dann diesen Gottesdienst Allah voller Vitalität übergeben. Jeder Atem, der bewusst ein- und ausgeatmet wird ist lebendig und mit der göttlichen Gegenwart verbunden. Jeder Atem der mit Unachtsamkeit ein- und ausgeatmet wird ist tot, getrennt von der göttlichen Gegenwart.“

  • Ubaidallah al-Ahrar  sagte: „Die wichtigste Aufgabe eines Suchenden in diesem Orden ist, seinen Atem zu schützen. Über den, der nicht im Stande ist seinen Atem zu beschützen, kann man sagen, dass er sich gerade verloren hat.“

    Shah Naqshband (ks) sagte: „Dieser Orden ist auf dem Atem aufgebaut. Also ist es ein Muss für jeden seinen Atem beim Ein- und Ausatmen und in der Zeit dazwischen zu bewahren.“

    Sheikh Abul Janab Najmuddin al-Kubra sagte in seinem Buch Fawatih al-Jamal: „Dhikr fließt durch das Atmen in den Körper jedes Lebewesens – sogar ohne, dass sie es wollen. Das ist ein Zeichen ihrer Gehorsamkeit, die Teil jedes Geschöpfes ist. Durch ihr Atmen erzeugen sie den Laut „Ha“ des göttlichen Namens Allah. Das ist sogleich ein Zeichen der Essenz des Ungesehenen, das dafür dient, die Einmaligkeit Allahs zu bestätigen. Deshalb ist es notwendig bei jeder Atmung präsent zu sein, um die Essenz des Schöpfers zu realisieren.“

    Der Name Allah, der die 99 Namen und Eigenschaften umfasst, besteht aus vier Buchstaben Alif, Lam, Lam und Hah (Allah). Sufis sagen, dass die absolute ungesehene Essenz Allahs, dem Erhabenen und Allmächtigen, mit dem letzten Buchstaben „Ha“, das durch das Alif vokalisiert wird, zum Ausdruck gebracht wird. Es repräsentiert das absolute ungesehene „Er“ Allahs, dem Erhabenen, (Ghayb al-Huwiyya al-Mutlaqa lillah ‹azza wa jall). Das erste Lam steht für die Identifizierung (tarif) und das zweite Lam stellt die Betonung (mublagha) dar.

    Deinen Atem vor Unachtsamkeit zu schützen, bringt dich zur vollständigen Gegenwärtigkeit, und diese Gegenwärtigkeit führt dich zur vollkommenen Vision und diese Vision leitet dich weiter zur vollständigen Offenbarung von Allahs 99 Namen und Eigenschaften. Allah bringt dich zur Offenbarung Seiner 99 Namen und Eigenschaften, da gesagt ist: „Allahs Eigenschaften sind so zahlreich wie der Atem des Mensches.“

    Jeder weiß, dass es für die Suchenden schwierig ist seinen Atem vor Unachtsamkeit zu bewahren. Deshalb müssen sie ihn durch die Reue (istighfar) schützen. Diese Reue wird ihn reinigen und heiligen und den Suchenden überall auf die Offenbarung Allahs vorbereiten.

    2.Beobachte deine Schritte („Nazar bar qadam“)

    Es bedeutet, dass während der Suchende läuft, er auf seine Füße schauen muss.

  • Wo auch immer er gerade hintritt, sein Auge muss dort sein. Er darf nicht umher blicken, da unnötige Blicke das Herz verhüllen. Die meisten Schleier auf dem Herzen sind durch die Bilder hervorgerufen, die täglich von deinem Auge in das Gehirn übermittelt werden. Aufgrund der verschieden Arten von Lüsten, die von deinem Gehirn geprägt sind, könnte es dein Herz durch Unruhen stören. Diese Bilder sind wie Verschleierungen auf dem Herzen. Sie blockieren das Licht der göttlichen Gegenwart. Das ist der Grund warum Sufi Heilige es ihren Anhängern, die ihr Herz gerade durch ständiges Dhikr gereinigt haben, nicht erlauben woanders als auf ihre Füße zu schauen. Ihre Herzen sind wie Spiegel, die jedes Bild leicht reflektieren und erfassen können. Das könnte sie ablenken und Unreinheiten in ihren Herzen erzeugen. Daher muss der Suchende nach unten schauen, um nicht von den Pfeilen der Teufel angegriffen zu werden.

    Nach unten zu blicken ist zugleich ein Zeichen der Demütigkeit; stolze und arrogante Leute würden nie auf ihre Füße hinunter blicken. Außerdem ist es ein Zeichen, dass man dem Weg des Propheten  folgt, der während er lief nie nach rechts oder links, sondern immer auf seine Füße schaute und sich unerschütterlich seinem Ziel näherte. Zudem ist es ein Zeichen einer hohen Stufe, wenn der Suchende nirgendwohin als zu seinem Herrn schaut. Genauso wie jemand es beabsichtig, sein Ziel zügig zu erreichen, so bewegt sich der Suchende auf eine schnelle Weise zu Allahs göttlicher Gegenwart, ohne dabei nach rechts oder links zu blicken, ohne nach diesen weltlichen Lüsten zu suchen, sondern er läuft nur mit dem Ziel der göttlichen Gegenwart vor sich.

    Imam ar-Rabbani Ahmad al-Faruqi (ks) sagte in seinem 295. Brief seiner Maktubat:

    „Der Blick ist dem Schritt voraus und die Schritte folgen somit dem Blick. Der Aufstieg zu einem hohen Zustand geschieht zuerst durch das Sehen, dann durch den Schritt. Wenn der Schritt diese Stufe erreicht, wird der Blick auf einen höheren Zustand gerichtet, zu dem dann der Schritt folgt. Dann wird der Blick noch höher emporgehoben und der Schritt folgt erneut. Das geht so weiter bis der Blick mit dem ihm folgenden Schritt den Zustand der Vollkommenheit erreicht. Wir sagen: `Wenn die Schritte dem Blick folgen, dann ist der murid bereit, sich den Schritten des Propheten (sav) zu nähern. Daher gelten die Schritte des Propheten (sav) als der Ursprung aller Schritte.’”

    Shah Naqshband  sagte: „Wenn wir auf die Fehler anderer schauen, werden wir freundlos sein, da niemand perfekt ist.“

  • 3.Reise heimwärts („safar dar watan“)

    Es bedeutet, zu seiner Heimat zurückzukehren. Das heißt, der Suchende reist von der Welt der Schöpfung zur Welt des Schöpfers. Es ist überliefert, dass der Prophet (sav) sagte: „Ich gehe zu meinem Herrn von einem Zustand zu einem besseren, von einer Stufe zu einer höheren.“ Der Suchende muss von den Lüsten für das Verbotene zu der Begierde nach der göttlichen Gegenwart reisen.

    Der Naqshbandi Sufi Orden teilte jene Reise in zwei Kategorien ein. Die erste ist die äußere Reise und die zweite ist die innere. Das äußere Reisen ist das Reisen von einem Land zum anderen auf der Suche nach einem perfekten Wegweiser, der einen zu seinem Ziel bringt. Das befähigt dich dann zur inneren Reise. Suchenden, die einen perfekten Führer gefunden haben, ist es verboten auf eine weitere äußere Reise zu gehen. In der äußeren Reise gibt es nämlich viele Schwierigkeiten, die ein Anfänger nicht meistern kann, ohne dabei in verbotenen Taten unterzugehen, da sie in ihrem Gottesdienst noch schwach sind.

    Die zweite Kategorie ist die innere Reise. Diese Reise braucht ein Suchender, der sein schlechtes Verhalten zurücklässt und sich ehrenwertes Verhalten aneignet, um die weltlichen Wünsche aus seinem Herzen hinauszuwerfen. Er wird von einem Zustand der Unreinheit zu einem Zustand der Reinheit emporgehoben. Zu diesem Zeitpunkt wird er nicht mehr nach inneren Reisen bedürfen. Er wird sein Herz gereinigt haben; sein Herz ist rein wie Wasser, klar wie ein Kristall, glänzend wie ein Spiegel und es zeigt die Wirklichkeiten aller Sachen, die er in seinem täglichen Leben braucht, ohne dafür äußerlich etwas zu machen. In seinem Herzen wird alles erscheinen, was er für sein tägliches Leben und das Leben um ihn herum braucht.

    4.Einsamkeit in der Menschenmenge („khalwat dar anjuman“)

    „Khalwat“ bedeutet Zurückgezogenheit. Es bedeutet äußerlich mit Menschen und innerlich mit Allah zu sein. Es gibt ebenfalls zwei Arten der Zurückgezogenheit. Die erste ist die äußere Zurückgezogenheit und die zweite ist die innere Zurückgezogenheit.

    Die äußere Zurückgezogenheit erfordert von einem Suchenden, sich von dieser Welt an einem stillen Ort einzuschließen. Er muss dort ganz alleine sein, meditieren und sich auf Dhikrullah, Erinnerung an Gott, konzentrieren, um einen Zustand zu ereichen, in dem sich ihm das himmlische Königreich offenbart. Sobald du deine äußeren Sinne ankettest, werden deine inneren Sinne frei sein, das himmlische Königreich zu erreichen.

  • Das bringt dich zur zweiten Art: Die innere Zurückgezogenheit.

    Die innere Zurückgezogenheit bedeutet Zurückgezogenheit unter den Menschen. In diesem Zustand muss das Herz des Suchenden seinem Herrn gegenwärtig und von Seiner Schöpfung abwesend sein, während er physisch unter ihnen ist. Es wird gesagt: „Der Suchende wird so stark mit Dhikr in seinem Herzen beschäftigt sein, dass wenn er sich in einer großen Menschenmenge befindet, er keine Stimmen hört. Dieser Zustand des Dhikrs überwältigt ihn. Die Offenbarung der göttlichen Gegenwart zieht ihn zu sich und bringt ihn dazu, niemandem außer seinem Herrn gewahr zu sein. Das ist der höchste Zustand der Zurückgezogenheit und es gilt als die wahre Zurückgezogenheit, so wie es im Quran erwähnt wird: „Menschen, die weder durch ihre Arbeit noch durch Ertrag von der Erinnerung an Gott abgelenkt werden.“ [24:37]. Das ist der Weg des Naqshbandi Sufi Ordens.

    Die wahre Zurückgezogenheit der Sheikhs des Naqshbandi Ordens ist die innere Zurückgezogenheit. Sie sind mit ihren Herrn und gleichzeitig mit Menschen. Der Prophet (sav) sagte: „Ich habe zwei Seiten: Eine richtet sich meinem Schöpfer, die andere der Schöpfung zu“. Shah Naqshband unterstreicht das Gute der Zusammenkunft mit der Aussage: „Tariqatuna as-suhbat wa-l-khairu fil-jamciyyat“ („Unser Weg ist die Kameradschaft und Gutes ist in der Versammlung“)

    Es wird gesagt, dass der Gläubige, der unter Menschen ist und ihre Lasten tragen kann, besser ist als der Gläubige, der sich vor Menschen abschottet. Über diesen heiklen Punkt sagte Imam Rabbani:

    „Jeder muss wissen, dass am Anfang der Suchende die äußere Zurückgezogenheit wählen sollte, um sich zu isolieren, zu beten und sich auf Allah, dem Allmächtigen und Erhabenen, zu konzentrieren, bis er einen höheren Zustand erreicht. Zu diesem Zeitpunkt wird sein Sheikh ihn mit den Worten Sayyid al-Kharrazs raten: `Perfektion liegt nicht im Vollbringen von Wundern, sondern es liegt darin, unter Menschen zu sitzen, seine Arbeit zu betreiben, eine Familie zu gründen und dabei niemals die Gegenwart Allahs für einen Moment zu verlassen. ’“

    5.Erforderliche Erinnerung („yad kard“)

    „Yad“ bedeutet Dhikr und „kard“ heißt Essenz des Dhikrs. Der Suchende muss Dhikr durch Verneinung und Bestätigung mit seiner Zunge machen, bis er den Zustand des Nachsinnens des Herzens (muraqaba) erreicht.

  • Dieser Zustand kann durch das rezitieren der Verneinung (LA ILAHA) und der Bestätigung (ILLALLAH) mit der Zunge zwischen 5.000 und 10.000 mal erreicht werden. Dadurch werden die Flecken, die das Herz bedecken und einrosten, entfernt. Das Dhikr poliert das Herz und befördert den Suchenden in einen Zustand der Offenbarungen. Er muss dieses Dhikr täglich verrichten. Er muss mit der Zunge und mit dem Herzen Allah rezitieren, den Namen Gottes Essenz, der alle anderen Namen und Eigenschaften einschließt, oder er muss die Verneinung und Bestätigung „LA ILAHA ILLALLAH“ wiederholen. 

    Dieses tägliche Dhikr bringt den Suchenden in die vollkommene Gegenwart des Einen, des Gepriesenen.

    Das Dhikr der Verneinung und Bestätigung erfordert in der Ausführungsweise der Naqshbandi Sufi Meister, dass der Suchende seine Augen und seinen Mund schließt, seine Zähne zusammenpresst, seine Zunge an den Gaumen drückt und seinen Atem anhält. Er muss durch sein Herz das Dhikr der Verneinung und Bestätigung rezitieren, in dem er mit dem Wort LA („kein“) anfängt. Er erhebt dieses „kein“ von seinem Bauchnabel bis zu seinem Gehirn. Mit dem erreichen des Gehirns bringt das Wort „kein“ das Wort ILAHA („Gott“) hervor, es bewegt sich von seinem Gehirn zu seiner linken Schulter und stößt mit den Worten ILLALLAH („außer Gott“) auf das Herz. Sobald dieses Wort das Herz berührt, wird seine Energie und Wärme in alle Körperteile befördert. Der Suchende, der alles was in dieser Welt existiert mit den Worten LA ILAHA verneint hat, bestätigt mit den Worten ILLALLAH, dass alles was existiert sich in der göttlichen Gegenwart aufgelöst hat.

    Der Suchende wiederholt das in jedem Atemzug mit seinem Herzen, beim Ein- und Ausatmen, in der Anzahl, die ihm der Sheikh vorschrieb. Schließlich wird der Suchende eine Stufe erreichen, in der er in einem Atemzug 23 mal LA ILAHA ILLALLAH wiederholen kann. Ein vollkommener Sheikh kann LA ILAHA ILLALLAH unendlich oft in jedem Atemzug wiederholen. Die Bedeutung dieser Übung ist, dass das einzige Ziel für uns Allah ist und es neben Ihm kein anderes Ziel für uns gibt. Nachdem man auf die göttliche Gegenwart als die Einzige Existenz schaut, bringt all dies in dem Herzen des Muriden die Liebe des Propheten  hervor, und er sagte dann: „ MUHAMMADUN RASULALLAH („Muhammed ist der Gesandte Gottes“), was zugleich das Herz der göttlichen Gegenwart ist.

  • 6.Rückkehr („baz gasht“)

    Dies ist ein Zustand, in der der Suchende, das Dhikr mit der Verneinung und Bestätigung macht und die folgende Aussage des Heiligen Propheten (sav) lernt zu verstehen:

    „ilahi anta maqsusdi wa ridaka matlubi“ („O mein Gott, Du bist mein Ziel und Dein Erfreuen ist meine Absicht.“). Die Rezitation dieses Ausspruches wird das Bewusstsein des Suchenden für die Einheit Gottes verstärken, bis er einen Zustand erreicht, in dem jegliche Existenz der Schöpfung vor seinen Augen verschwindet. Alles was er sieht, überall wo er hinschaut, sieht er den vollkommenen Einen. Die Naqshbandi murids rezitieren diese Art des Dhikrs, um das Geheimnis der Einheit aus ihren Herzen herauszubekommen und sich selbst für die Wirklichkeit der einmaligen göttlichen Gegenwart zu öffnen. Der Anfänger darf dieses Dhikr nicht aufgeben, nur weil er die Erscheinung dieser Kraft in seinem Herzen nicht sehen kann. Er muss es weiter machen als eine Nachahmung seines Sheikhs, da der Prophet  sagte: „Wer immer eine Gruppe nachahmt, wird zu diesen Leuten gehören.“ Und wer auch immer seinen Sheikh nachahmt, wird irgendwann sehen wie dieses Geheimnis in seinem Herzen offenbart wird.

    Die Bedeutung von „baz gasht“ ist, zu Allah, dem Erhabenen und Allmächtigen, zurückzukehren und zwar durch die vollständige Hingabe und dem Gehorsam, Seinen Willen gegenüber und Ihn in vollständiger Demut Seinen Lobpreis gebührend zu preisen. Der Heilige Prophet sagte in seinem Bittgebet: „ma dhakarnaka haqqa dhikrika ya Madhkur“ („Wir haben uns nicht in dem Maße an Dich erinnert in der es Dir gebührt, O Allah“). Der Suchende kann nicht zu der Gegenwart Allahs in seinem Dhikr kommen, noch kann er die Geheimnisse und Eigenschaften Allahs in seinem Dhikr zur Offenbarung bringen, solange er nicht mit Allahs Hilfe und mit Allahs Erinnerung an den Suchenden Dhikr macht. Bayazid sagte einmal: „Als ich Ihn erreichte sah ich, dass Seine Erinnerung an mich, meiner Erinnerung an Ihn voraus ist.“ Der Suchende kann Dhikr nicht durch sich selbst machen. Er muss anerkennen, dass Allah Derjenige ist, Der in ihm Dhikr macht.

    7.Aufmerksamkeit („nigah dasht“)

    „Nigah“ bedeutet die Sicht. Es bedeutet, dass der Suchende beobachten muss, was in seinem Herzen ist, und es vor dem Eintreten von schlechten Gedanken beschützen muss. Schlechte Neigungen halten das Herz vorm Eintreten in das Göttliche fern. Bei den Naqshbandiyya gilt es als eine große Tat sein Herz für 15 Minuten vor schlechten Einflüssen zu schützen. Wenn man das schafft, gilt man als ein echter Sufi.

  • Sufismus ist die Kraft, sein Herz vor schlechten Gedanken und Neigungen zu schützen. Wer diese zwei Ziele erreicht, kennt sein Herz und wer sein Herz kennt, kennt seinen Herrn. Der Heilige Prophet  sagte: „Wer sich selbst kennt, kennt seinen Herrn.“

    Ein Sufi Sheikh sagte: „Weil ich mein Herz für zehn Nächte beschützte, beschützte es mich für 20 Jahre.“

    Abu Bakr al-Qaittani sagte: „Ich war für 40 Jahre der Wächter an der Tür meines Herzens und ich öffnete es für niemanden außer für Allah, dem Allmächtigen und Erhabenen, bis mein Herz niemand und nichts außer Allah, den Allmächtigen und Erhabenen, kannte.“

    Abul Hassan al-Kharqani sagte: „Es sind schon 40 Jahre, dass Allah in mein Herz schaut und niemanden außer Sich selbst sieht. Es gibt keinen Platz in meinem Herzen für jemand anderes als Allah.“

    8.Erinnerung („yada dasht“)

    Es bedeutet, dass der, der Dhikr macht, sein Herz mit Verneinung und Bestätigung in jedem Atemzug schützt, ohne die Gegenwart Allahs, des Allmächtigen und Erhabenen, zu verlassen. Es bedeutet, dass der Suchende ununterbrochen sein Herz mit der göttlichen Gegenwart Allahs verbunden haben muss. Das ermöglicht ihm, das Licht der einmaligen Essenz (anwar adh-dhat al-Ahadiyya) Gottes klar zu erkennen und zu manifestieren. Daraufhin wirft er drei von vier Arten der Gedanken von sich: Die egoistischen Gedanken, die bösen Gedanken und die engelhaften Gedanken und behält und versichert allein die vierte Art der Gedanken, die haqqani oder wahren Gedanken. Dies wird den Suchenden durch das Ablegen all seiner Einbildungen zu der höchsten Stufe der Vollkommenheit führen und er erfasst nur noch die Wirklichkeit, die die Einheit Allahs, des Allmächtigen und Erhabenen.

    Abdul Khaliq al-Ghujdawani hatte vier Khalifen. Der erste war Sheikh Ahmad as-Sadiq, aus Buchara. Der zweite war Kabir al-Awliya („der größte der Heiligen“), Sheikh Arif Awliya al-Kabir . Er kam aus Buchara und war der größte Gelehrte in bei dem, der äußeren Form und der inneren Wirklichkeit der Wissenschaften. Der dritte Khalif war Sheikh Sulaiman al-Kirmani . Der vierte Khalif war Arif ar-Riwakri (ks). Er ist der vierte, dem Abdul Khaliq das Geheimnis der Goldenen Kette weitergab, bevor er am 12. Rabiul-Awwal 575 n. H. diese Welt verließ.

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